Offener Brief an die GVL - Open Letter to the GVL - #fairchangeGVL

An die Geschäftsführung der GVL
Dr. Tilo Gerlach, Guido Evers Offener Brief

Sehr geehrter Herr Evers, Sehr geehrter Herr Gerlach,

im Namen einer Vielzahl von berechtigten Musiker*innen, Schauspieler*innen und Tonträgerhersteller*innen fordern wir Sie auf, mit uns in einen konstruktiven Dialog zur notwendigen Verbesserung der Strukturen und Prozesse innerhalb der GVL zu treten.

Wir sind der Meinung, die aktuelle Ausnahmesituation im Zusammenhang mit der Covid-19 Pandemie zeigt deutli- cher denn je den Verbesserungsbedarf bei der GVL. Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der aktuellen Pandemie wurde bereits öffentlich auf die Fragwürdigkeit der Soforthilfen von 250 Euro, die erneut verzögerten Ausschüttungen und die unnötig erschwerten Bedingungen für Vorschussleistungen hingewiesen. Dieser Kritik möchten wir uns hiermit anschließen und in unserem folgenden Brief auf weitere Probleme und Unzulänglichkeiten eingehen.

Öffentlich kommentieren Sie die Beschwerden Ihrer Berechtigten folgendermaßen:
„Das meiste sind leider weniger Fakten als Emotionen ... wir wünschen uns einen Dialog!“

Auch wir wünschen uns einen Dialog, der in konkrete Maßnahmen münden sollte. Wenn wir Strukturen oder Maßnahmen der GVL kritisieren und daraufhin von Ihnen öffentlich in eine Ecke mit der AfD gestellt werden, dann empfinden wir das nicht als sachliche Auseinandersetzung mit unseren Anliegen, sondern als persönliche Herabwürdigung und distanzieren uns deutlich von derartigen politischen Gruppierungen oder Parteien sowie jeglicher politischen Instrumentalisierung oder Einflussnahme:
https://www.artechock.de/film/text/interview/g/gerlach_2020.html

Pauschale Abschlagzahlungen sind für den einen oder anderen möglicherweise erfreulich. In der Gesamtbetrachtung erwecken sie bei uns den Eindruck als Maßnahme zur Ruhigstellung Ihrer Kritiker*innen. Die von uns identifizierten Probleme bleiben bestehen.

Ihr Wunsch nach Dialog ist für uns fragwürdig, da anscheinend nur einige der Berechtigten-Gruppen öffentlich- keitswirksam genug sind, um in den Genuss von Aussprachen in Form von Stammtisch-Gesprächen zu kommen. So reagierten Sie beispielsweise auf die öffentliche Kritik der Schauspieler*innen mit einer Aussprache in Form von Stammtisch-Dialogen am 04.05.2020, am 24.05.2020 und am 22.06.2020.

Auf Anfrage an die GVL Pressestelle vom 05.05.2020, einen ähnlichen Dialog mit Künstler*innen zu initiieren, wurde seitens der GVL mitgeteilt, dass dieses Format explizit zusammen mit dem GVL-Gesellschafter und Schauspieler*innenverband BFFS nur für die Schauspieler*innen konzipiert wurde. Es wurde darauf verwiesen, dass es Überlegungen gibt, dies zu erweitern, jedoch ohne konkretes Gesprächsangebot. Warum entziehen Sie sich diesem Dialog?
Dieses Beispiel ist für uns ein Indiz, dass Sie in Ihrer öffentlichen Kommunikation versuchen, die Interessen der ver- schiedenen Berechtigten-Gruppen, z. B. von Schauspieler*innen, Musiker*innen und Tonträgerhersteller*innen, gegeneinander auszuspielen. So unterschiedlich unsere Anliegen gegenüber der GVL auch sein mögen, wir alle haben den Eindruck und die Erfahrung gemacht, dass die GVL unsere Anliegen, die Anliegen der Berechtigten, nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt. Auch finden sich in unseren Reihen Rechteinhaber*innen, die ver- schiedene Rechtsansprüche in einer Person, als beispielsweise Schauspieler*innen, Tonträgerhersteller*innen und Musiker*innen, vereinen.

An dieser Stelle möchten wir nochmals betonen, dass die GVL aus ihrem treuhänderischen Auftrag gegenüber allen Berechtigten gesetzlich verpflichtet ist und dass die dafür zur Verfügung stehenden Mittel durch die künstler- ischen Leistungen der Berechtigten erwirtschaftet werden. Die GVL hat ausschließlich für die Berechtigten und nur in deren Interessen tätig zu sein. Dies erfolgt aus unserer Sicht nicht in ausreichendem Maße.

Wir appellieren mit diesem Brief nochmal an Ihren Willen zum Dialog mit dem Wunsch nach konkreten Veränderungen und Verbesserungen für alle Berechtigten der GVL.

Folgende Verbesserungen fordern wir u.a. von Ihnen:

Mehr Mitbestimmung der Berechtigten im Sinne des Verwertungsgesellschaftengesetzes (VGG)
· Ein pro Kopf Wahlrecht, statt eine Stimmgewichtung nach Umsatz bei der Beiratswahl im Bereich der Tonträgerhersteller
· Die Änderung der Gesellschaftsform der GVL als GmbH hin zu einem Verein bürgerlichen Rechts. (vgl. GEMA)

Mehr Transparenz im generellen Geschäftsbetrieb:
· Bei den Verteilungen der Künstler*innenanteile sollte es detaillierte Aufstellungen der Sender und Sendeminuten geben (wie sie auch im Tonträgerhersteller*innenbereich bereitgestellt werden) anstelle der Angabe von nicht überprüfbaren Nutzungswerten. Diese Informationen sollten zur besseren Über- prüfung zusätzlich im Excel- oder CSV-Format bereitgestellt werden, anstatt in PDF Form.
· Eine transparentere Beschreibung des IT Systems, um den Berechtigten detaillierte Einblicke zu gewähren, wie und was erfasst wird.
· Nachvollziehbare Informationen über die exakten Ausgaben der GVL für die IT-Entwicklung.
· Eine öffentliche Nennung von externen Firmen und Beratern, die bezüglich IT-Projekten beauftragt
wurden, unter Angabe der Kosten und des genauen Zwecks.

Eine deutliche Ausweitung der Überwachung von realer Nutzung - u.a. über die 125 Rundfunkstationen im Bereich Hersteller*innen und Musiker*innen hinaus.
· Zum Vergleich: Die englische Verwertungsgesellschaft PPL nimmt die Rechte ihrer Berechtigten gegenüber 2.400 Rundfunkstationen und digitalen Services wahr. Darunter befinden sich auch nahezu alle freien Rundfunk-Stationen und Universitätsradios, die die kulturelle Vielfalt und deren Nutzung in einem wesentlich höheren Maße abdeckt und so eine deutlich fairere und transparentere Verteilung der Einnahmen ermöglicht.

Die Erweiterung der Verteilregeln, welche die tatsächlichen Nutzungsformen berücksichtigen, anstatt eine pauschale und nahezu ausschließliche Verteilung nach Rundfunknutzungen durchzuführen.
· Die Nutzung von Erkennungssoftware (Recognition-Services) im Bereich der öffentlichen Wiedergabe in Clubs, Diskotheken und bei Open Air Veranstaltungen.
· Eine quellenbezogene Verteilung der Privatkopieabgaben nach physischen und digitalen Umsätzen und Marktanteilen, anstelle der ausschließlichen Verteilung nach Rundfunkminuten. Wie es beispielsweise bei ihren Schwestergesellschaften der SPPF in Frankreich oder der AGEDI in Spanien der Fall ist.

Mehr Informationen über die Verteilung von Einnahmen aus Open Airs und Festivals, die über das Inkasso der GEMA in den letzten fünf Jahren eingesammelt wurden.

Die Einhaltung der Verteilungsfristen nach dem VGG. Insbesondere im Bereich der Künstler sind immer noch Einnahmen nicht verteilt, die vor 2016 aufgelaufen sind. Die offenen Verteilungen ziehen sich für bestimmte Verteilsegmente aktuell zurück bis in das Jahr 2010:
https://www.gvl.de/rechteinhaber/kuenstler/verteilung/laufende-verteilungen

Eine nachvollziehbare Bearbeitung und Erklärung von fehlerhaft erstellten oder nicht erfolgten Abrechnungen.
Detaillierte Informationen über die Möglichkeiten der GVL zur Auslandswahrnehmung.
· Wir können eine Vielzahl von Beispielen benennen, bei denen Künstler*innen und Tonträgerhersteller*innen, die international Sendeaufkommen haben, seit Jahren keine Einnahmen aus der Auslandswahrnehmung der GVL erhalten. Und das obwohl es nachweislich Nutzungen in den Ländern gegeben hat.

Kürzere Kündigungsfristen für die Berechtigten, um der GVL die Auslandswahrnehmung zu entziehen. Aktuell ist die Frist sechs Monate zum Jahresende. Wir fordern eine Möglichkeit dieses Mandat zum Quartalsende zu entziehen, wie es beispielsweise bei ihrer Schwestergesellschaft GRAMEX in Dänemark der Fall ist.

Wir fordern, dass die GVL sich aktiv dafür engagiert, dass zukünftig auch digitale Nutzungsformen, wie Audio- und Audiovisuelles-Streaming, von der GVL wahrgenommen werden und somit auf die veränderten Nutzungs formen im Markt zu reagieren. Dies ist nicht nur entscheidend für künftige Einnahmen der Berechtigten, sondern auch für das Fortbestehen der GVL.

Uns ist bewusst, dass dies eine Vielzahl an Forderungen darstellt. Das ist allerdings dem Umstand geschuldet, dass diese Forderungen zum Teil seit mehreren Jahren erfolglos von den verschiedenen Berechtigungsgruppen an Sie herangetragen werden. Im Bereich der Tonträgerhersteller gab es in den letzten Jahren durchaus erste Verbesserungen, aus unserer Sicht ist dies leider nicht genug.

Wir hoffen auf einen konstruktiven Austausch mit dem ehrlichen Willen, unsere Verbesserungsvorschläge anzuge- hen und mit den durch Sie treuhänderisch vertretenen Berechtigten zusammen aktiv an Veränderungen zu arbeiten, um unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.

Mit freundlichen Grüßen

Alva Noto
Âme
Audiolith Records
Bernhard Piesk
Boris Brejcha
Boysnoize Records
Breeze Music
Broken Silence Distribution GmbH
Brothers
Cinthie
City Slang GmbH & Co.KG
Connaisseur Recorings
Dessous Recordings
Dixon
Einmusik
Einmusika Records
Format B
Formatik
Fryhyde
Grand Hotel van Cleef
H.O.S.H.
Hawks Grunert
In My Room
Innervisions
Kollektiv Turmstrasse
Kompakt
Marco Resmann
Michael Mayer
Modeselektor
Monkeytown
Niki Reiser
Noton
Oliver Huntemann
Paradise Entertainment & Distribution GmbH
Poker Flat Recordings
PRO Agency GmbH
Ralf Hildenbeutel
Raymond Merkel
Rocko Schamoni
Senso Sounds
Stefan Schnabel
Stefan Trapp
Superstition Entertainment Network
Timo Maas
True Color Records
Upon you